Der folgende Artikel ist die Übersetzung eines Interviews, dass 2017 bei Rose City Blues in Portland stattfand.

 

Einleitung & Verzichtserklärung

Ich finde diese Diskussion sehr spannend und möchte sie mit der Tanzgemeinschaft in Europa teilen. Obwohl es scheint, dass die Präsentatoren bei Zeiten leicht vom Thema abweichen, regt ein Großteil, von dem was diskutiert wird, zum Nachdenken an. Ich habe ein paar Teile des Interviews weiter unten transkribiert – Ich denke, dass ich Teile des Interviews ausgewählt habe, die für den Leser sowohl relevant als auch interessant sind – darüber hinaus, habe ich Teile paraphrasiert, um das Gesagte klarer und pointierter darzustellen (und um es für unsere Übersetzer einfacher zu gestalten!). Ich hoffe inständig, dass durch das Kürzen und Umschreiben nicht die Essenz des Inhalts verloren ging.

Bitte seid euch darüber im Klaren, dass dieser Text die Meinung anderer Menschen vertritt und von meiner Meinung abweichen kann. Ich habe jedoch den bewussten Entschluss gefasst, meine Sichtweise des Textes hintenanzustellen, um euch die Möglichkeit zu geben selbst Schlüsse zu ziehen.

Kursive Bemerkungen sind meine eigenen Worte um den Kontext herzustellen.

 


 

Jonathan Janis: Interviewer

Richard Powers: Historiker über Tanz an der Stanford University; unterrichtet Social dances weltweit.

Brenda Russell: reist international um Tanz, Gesundheit und Wohlbefinden zu unterrichten.

Damon Stone: unterrichtet international Blues Tanz.

 


 

Hört euch das gesamte Interview hier an: 

 

 


 

Jonathan’s Einstiegsfrage:Wie wird die Vergangenheit gelebt und kommuniziert durch traditionelle (vernacular) Idiom-Tänze?

 

Richard: In Blues bezieht sich Vieles auf die Musik. Ich glaube die Musik ist für viele Menschen die Brücke zur Vergangenheit…

 

Brenda: Es wurde normalerweise von Körper zu Körper weitervermittelt, aber in der modernen Kultur hat sich das verändert. Die junge Generation versucht über die Musik der Vergangenheit herauszufinden wie man sich dazu bewegt.

 

Damon: Die Idee das Menschen nicht durch die Liebe zur Musik einen Tanz entdecken ist für mich fremd. Ein Freund hat eine Frage auf facebook gepostet “Hast du schon immer die Musik zu der du tanzt geliebt?” und ich war durch die Frage selbst geschockt! Die Idee zu tanzen ohne dabei die Musik von Tag eins an zu lieben fühlt sich für mich einfach total fremd an. I wuchs mit all der Musik auf, die mit dem Tanz einhergeht… Die Idee, dass die Musik mich innerlich berührt und das nicht auch nach außen auszudrücken zu können, scheint mir eine seltsame Trennung zu sein.

 

Brenda: In unserer heutigen Kultur gibt es Leute, die einfach zum Tanz kommen, da sie Berührung, in einer Gruppe oder unter Freunden zu sein, oder Sinnesfreudigkeit vermissen. Ich frage sie “Welche Musik mögt ihr?” und erzähle Ihnen auch, dass sie die Atmosphäre von Lokalitäten und der Leute dort berücksichtigen sollen. Diese drei Aspekte bestimmen, welche Tänze sie machen werden und ob sie mit der Gemeinschaft an TänzerInnen Anschluss finden…

 


 

Eine Diskussion über die Art wie Menschen einen Tanz erlernen…

Brenda: Die Art wie Menschen normalerweise lernen, ist ein Problem, wenn es darum geht einen Tanz zu lernen. Eine Menge meiner Schüler sind Akademiker und denken sie lernen Tanz wie sie Mathe lernen und es funktioniert dann einfach nicht auf dieselbe Weise!

Ich versuch auch regelmäßig in meiner Tanzszene zu tanzen. Nicht jeder lebt das so. Hier, in unserer lokalen Sub-Kultur der Bluesszene, gibt es Menschen, die von überall aus der Stadt und sogar ein bis zwei Autostunden entfernt kommen. Sie kommen zum Tanz im Ballsaal und glauben, dass es das ist; Dass das Blues Tanz ist. Aber du kannst auch einfach aus dem Haus gehen und die Durschnitts Blues Live Musik in Bars überall in der Stadt verteilt jeden Tag miterleben. Dort spielt sich das ganze Leben in der Stadt ab und diese Menschen wissen nichts darüber. Dieser Aspekt ist wirklich bizarr für mich. Du kannst eine lokale (Musik-) Kultur und eine lokale Gemeinschaft oder Tanzszene haben, aber die Leute entscheiden sich nicht dafür.

 

Damon: Ich meine das nicht auf eine negative Art, aber es existiert dieser Anspruch und diese Erwartung, dass die Dinge “uns” zugesprochen werden. Die Menschen glauben “Da gibt es dieses Ding, dass ich gerne hätte. Ich hätte es gerne auf eine bestimmte Art und Weise und sollte ich es nicht finden, dann gehe ich ins Internet und sehe nach, ob es irgendjemanden in meiner Stadt gibt, der so denkt wie ich.“
Zum Beispiel: Du magst eine bestimme Art von Musik ganz besonders. Du findest andere Leute, die die selbe Musik mögen, und ihr mietet gemeinsam einen Raum, um die Musik dort zu spielen und zu ihr zu tanzen; Es gibt jedoch wahrscheinlich Bands, die diese Musik, die du liebst, spielen. Sie spielen nicht zu weit weg von dir und wenn du einfach nur ausziehen und sie erkunden würdest, könntest du genau das, was du schon länger gesucht hast, in einer größeren Gemeinschaft oder Szene finden. Aber stattdessen denken die Leute “Ich mag mein Ding auf meine Weise, und zu meinem Zeitpunkt” und enden damit eine andere Szene neben einer schon existierenden und florierenden Szene, die sie nie kennengelernt haben, aufzubauen. Ich erlebe das in Blues die ganze Zeit.

In Blues, zum Beispiel, holen sich die Veranstaltungen Musiker von weit her. Aber warum bringt ihr nicht Musiker aus eurer eigenen Stadt zu euren Veranstaltungen? Es ist eine Sache, wenn du in einer 12 Seelen Stadt lebst, aber es ist eine andere Sache, aber wenn du in einer normalgroßen Stadt lebst, wo es Bluesbands gibt… (Kommentar: das mag nicht zutreffen, wenn du außerhalb der USA lebst. Aber es könnte sich lohnen nachzuforschen…)

 

Brenda: In jedem Land, in dem die Leute in den kleinen Tanzsälen tanzen, versuche ich Ihnen unterschiedliche Bewegungen und etwas über die Musik beizubringen. Und dann wieder gehe ich zu fünf verschiedenen Bars und sage Ihnen „Ihr habt eine großartige Blues Musik Szene!“ Falls ihr dort hingeht und dazu tanzt, würdet ihr die Bewegungen von den Musikern lernen – so wie man es auf traditionelle Weise gelernt hat. Du hörst auf die Musik, dein Körper reagiert und die Bewegung entwickelt sich auf natürlich Art und Weise. Ganz im Gegensatz dazu die Bewegungen in einem gemieteten Raum zu erlernen, zu aufgenommener Musik zu tanzen (die nicht unbedingt Blues ist), und einige Figuren von YouTube aufzuschnappen. Es ist ein Fall von „Ich möchte es genau auf diese Weise machen, aber zur selben Zeit möchte ich es auch diesen kulturellen Tanz nennen“.

 


 

Eine Diskussion über die Bedeutung von kulturellem und historischem Wissen eines Tanzes

Brenda: Menschen, die versuchen einen Tanz zu erlernen, werden es nicht ohne dieses Wissen schaffen. Ich kann mir kein Beispiel vorstellen, bei dem jemand den Tanz wirklich gut umsetzt ohne dabei die Kultur und den Hintergrund des Tanzes zu verstehen. Sogar in Ländern wie Korea, sieht es wie eine Karikatur aus; Es sieht so aus als ob sie schauspielern oder sich darüber lustig machen. Es mangelt hier wirklich an Authentizität. Aus der Perspektive von Bewegungslehre sind sie dazu in der Lage die Elemente der Bewegung und Mimik zu identifizieren, aber sie können nicht den Lebensgeist und die Energie und das Gefühl, mit dem der Tanz in Verbindung steht, nachvollziehen.

 

Jonathan: Du meinst, dass der Lebensgeist, die Energie und die Gefühle die physischen Bewegungen beeinflussen oder definieren?

Brenda: Genau!

Damon: Ich würde sagen definieren und nicht nur anleiten.

 

Damon: [[Ich paraphrasiere hier besonders stark]. Die Bewegungsform eines Tanzes oder Tanzgenres steht in direkter Verbindung zur Musik. Wenn du einen Filmausschnitt oder ein Bild von einem Tanz machst (Tango, Walzer, Blues etc.) kannst du ganz klar ihre Form, welche den Tanz definiert, erkennen. Diese Form leitet sich aus der Ästhetik ab und hängt davon ab woher der Tanz ursprünglich stammt. Kulturelle Übertragung bedeutet, dass sich der Tanz weiterentwickelt und sich die ganze Zeit verändert. Wenn man nicht Teil dieser Kultur ist und nicht dessen Werte versteht, welche Entscheidungen der Künstler beeinflussen, endest du damit den Tanz zu imitieren und wie eine Karikatur auszusehen. Wenn ich zum Beispiel ein Bildausschnitt von Frankie Manning mache, dann habe ich eine Vorstellung davon wie Lindy Hop aussehen soll. Ich kann meinem Körper dieselben Formen beibringen, aber wie ich den Übergang zu den Formen schaffe, und wie ich mich innerhalb dieser Formen bewege ist anders.

 

Brenda: Das nennen wir “kritisches Timing” bei Tanzwettbewerben – wie wir uns zwischen verschiedenen Formen bewegen. Wir haben eine Menge Leute die bei Wettbewerben teilnehmen und wir sagen zu Ihnen “Das ist nicht ganz Blues, weil dein ‘kritisches Timing’ nicht den Tanz zwischen deinen getanzten Formen entspricht; Alles was du gemacht hast, waren Akkzente und Posen. Du hast eigentlich nicht den Tanz getanzt.

Etwas das ich bemerkt habe, ist, dass die TänzerInnen in ‘Blues’ Subkulturen überall in der Welt viel inszenieren und nachahmen.
Ich tanze sechs Mal pro Woche in Blues Bars und oft in Blues Bars überall in der Welt. Diese weltweite Mainstream Blues Kultur ist sehr gut vernetzt und ihre Musik entwickelt sich auch weiter. Ich versuche weiterhin die Menschen von dieser Perspektive aus zu informieren und zu unterrichten. Doch dann komme ich in eine Bluesszene und zeige Ihnen etwas und jemand sagt “Das ist nicht Blues”.

 

Richard: Oder du unterrichtest etwas, kommst ein Jahr später wieder in dieselbe Szene und sie behaupten es sei falsch, weil sie einen Teil von deinem Unterricht formalisiert haben, um es dann in ein Ding zu packen, welches immer spezifischer wird.

Richard [spricht über eine Gruppe von ihm bekannten TänzerInnen, die Mazurka tanzen]: Sie tanzen auch Salsa, oder Tango und versuchen dabei nicht bewusst den Tanz zu imitieren. Wenn du drei Tanzstile kennst und sie zusammen mischt, dann ist es so als ob du versuchst du selbst zu sein und nicht vorgibst einen bestimmten Stil zu repräsentieren… Es fühlte sich an wie ein unschuldiges “Sei du selbst” im Gegensatz dazu zu versuchen etwas Anderes zu sein.

 

Brenda: … Warum kannst du nicht einfach das Ding machen, es schätzen und auch genießen? Ich sehe eine Menge dieser Argumente online. Wir argumentieren viel über Sprache online, aber es wäre einfacher, wenn die Leute einfach in das Eintauchen was sie tun, sich stolz dabei fühlen, und ihm einen Namen oder auch nicht geben. Aber warum versuchen die Leute etwas einen Wert zu beizumessen, indem sie es anderes benennen? Ich weise darauf hin, sobald ich nach Europa gehe. Ich sage dann “Was ihr tanzt ist nicht Blues” und das ist keine Kritik. Wenn ich Ihnen sage “Das ist nicht Blues” ist es keine Kritik, denn was sie machen sieht schön, ihr seid wunderbare TänzerInnen …

 

Damon: Hört damit auf Blues oder andere Tänze zu dem zu machen, was ihr wollt. Wenn du, was du tust, gerne und auch relativ gut machst, werden andere Leute es sehen und es auch mögen. Und du wirst dabei deinen eigenen Tanzstil entwickeln. Und wenn du sogar sehr gut darin bist, dann wirst du einen komplett eigenen Tanzstil entwickeln. Höre einfach damit auf etwas anzupassen, dir eigen zu machen oder das Ding, dass du tust, mit dem anderen zu vergleichen, dass nichts damit zu tun hat. Sei stolz auf deine Leistung, steh dafür ein und sage “Das ist was ich mache, das ist {füge deinen Namen ein} Stil. Ich werde es dir beibringen, wenn du glaubst, dass es cool ist!”

Wenn ich andere Tänze tanze und ein Lied beginnt, dann mache ich das was sich gut zur Musik anfühlt. Ich sorge mich nicht darum, ob das, was ich gerade mache, technisch gesehen Salsa, oder Tango oder Mazurka ist. Ich tanze einfach danach was mein Körper mir sagt wie ich mich zu der Musik bewegen soll. So etwas nennen wir tanzen! Das ist buchstäblich wie alle diese Dinge anfingen. Es ist genau das was die Begründer und Erfinder dieser historischen begründeten Tänze taten.

Frankie Manning erzählt darüber wie die Bands, Basie und Ellington und Goodman und die anderen Könige des Swing neben Swing Lieder auch alle Walzer und Foxtrotts spielten. Sie spielten auch Barrelhouse Blues. Sie waren einfach Tanzbands, die eine Woche nichts fürs Essen verdienten und ihre Tour einbrach, sobald sie nichts für die Ohren der TänzerInnen spielten. Zu glauben, die Idee Tänze zu verbinden sei neu, ist naiv. Dinge zu kombinieren ist eine sehr menschliche Reaktion in Bezug auf Wissen – als ich Mathe, Naturwissenschaften und Kunst studiert habe, haben sich diese auch immer gegenseitig ergänzt. Den Gedanken von klarer Abtrennung und diese arbiträren Teilungen finde ich komisch.

 


 

Jonathan beendet das Interview mit der Frage:

Was ist die Rolle eines modernen Lehrers? Was ist für die Lehrer und die Tanzszenen wichtig, wenn sie sich weiter entwickeln sollen?

Brenda: Das ist der Grund warum ich mich für Bewegungslehre im Gegensatz zu einer Sub-Kultur von Tänzen entschieden habe. Ich fokussiere mich auf bewegungsbasierte Lebensstile und gefühlvolles Leben, weil ich glaube das ein großer Teil von Menschen Berührung sucht; nach einer Gemeinschaft sucht; nach Zugehörigkeit sucht. Diese Gründe machen oft den Tanz nichtig, sobald ich in einer großen Stadt unterrichte… Wenn ich den Leuten beibringe wie sie sich in ihrem eigenen Körper und mit ihrem Partner bewegen, dann können sie irgendwelche Musik wählen und ihren eigenen Stil schaffen. Sie könnten auf authentische Weise etwas kreieren, das schon existiert, weil sie auf die Musik gehört haben und sie diese auf dieselbe Art bewegt hat… Sobald die Menschen fähig sind in ihrem Körper zu finden und zu bewegen, mit anderen Leuten zu tanzen, die Musik zu hören, sich auf die Musik einzulassen, sich nach ihrem Verständnis zu bewegen, dann brauchen wir uns keine Sorgen mehr machen, was es ist, wie wir es nennen, was richtig ist und was falsch ist. Dann bekommen wir was wir alle wirklich wollen, nämlich sich mit anderen zu finden und uns zugehörig fühlen.

 

Damon: Ich versuche den Geist und den Stil von Tanzen, den ich von Menschen gelernt habe, die nicht mehr am Leben sind, am Leben zu erhalten. Ich möchte nicht, dass der Tanz eine Nachstellung von dem ist, so wie ich es von meiner Großtante Mary gelernt habe, aber ich werde die Struktur und Form des Tanzes, so wie es mich diese Menschen gelehrt haben, unterrichten. Ich hoffe, dass es nicht eine Nachstellung ist, sondern Teil einer lebendigen Tradition. Ich möchte, dass die Menschen dieses Wissen als Grundlage nutzen, um ihren eigenen Tanzstil basierend auf ihrem Hintergrund zu entwickeln und weiter zu tragen. Ich versuche den Menschen zu erklären, dass man einen Tanz auf viele verschiedene Arten richtig tanzen kann, und dass es wenige Wege gibt einen Tanz total falsch zu machen. Einen Tanz nicht richtig zu tanzen, heißt nicht, dass du schlecht tanzt, aber dass es einfach nicht dieser Tanz ist… Wenn ich den Basiselementen eines Tanzes treu bleibe, dann kann ich ihn erweitern, verändern und alle Arten von Dingen hinzufügen. Wenn ich mich entscheide von diesen Basiselementen abzuweichen, dann treffe ich diese Entscheidung bewusst und erschaffe etwas Neues. Und das hält die Tradition von Tanz lebendig.